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author:
- Dr. Thomas Sindt
date: 2025-10-26
title: Grundlagen der Sprache und der Kommunikation
reference-section-title: Literatur
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# Grundlagen der Sprache und der Kommunikation
Seit einiger Zeit beschäftige ich mich sehr intensiv mit dem Thema Kommunikation. Es ist ein sehr wesentlicher Baustein unseres Beziehungslebens. Ich habe mir viele Gedanken dazu gemacht, wo bestimmte Glaubenssätze und Einordnungen und Normen in unserer Gesellschaft entstanden sind. Dazu gibt es viele Bücher, die sich u.a. mit den gesellschaftlichen Normen auseinandersetzen und diese auch in Frage stellen. (siehe z.B. [@simon2021] oder auch [@hardy2020] und [@karig2018]). Hier wird viel auf die gesellschaftlichen Normen geschaut und diese werden auch in Frage gestellt und diskutiert.
Aber erst im Buch [@guemuesay2020] wurde ich auf die wesentlichen und grundlegenden Aspekte aufmerksam, die zu einer entsprechenden Kategorisierung von Beziehungsmustern und Lebensmodellen (und noch viel mehr) führen. Es ist die Sprache der Masse, welche die Realität und die Normen, bzw. Kategorien schafft und es zum Teil sehr schwer macht, außerhalb des Erlebens dieser Masse Beziehungen (und auch vieles andere) zu denken und zu benennen.
Grundlegend beschreibt und benennen wir mit Sprache unsere Wahrnehmung. Aber nur, wenn die Sprache mächtig genug ist, können wir das Wahrgenommene auch benennen. Daraus folgt auch, das, wenn ich etwas benennen kann, ich dieses auch besser wahrnehmen kann.
Sprache ist der Stoff, aus dem unser Denken (und damit auch unser Handeln, siehe auch [@robbins2017a]) geformt wird, ohne das wir uns ggf. der Grenzen der Sprache bewusst sind. Wir betrachten die Welt durch einen eingeschränkten Blickwinkel auf Sprache und es ist wichtig, sich der Existenz solcher Grenzen bewusst zu machen, um sich vor starren Prämissen, Grundannahmen und Glaubenssätzen (siehe [@karig2018] und [@imlau2022]) zu schützen. „Das Bewusstsein für Grenzen relativiert die Dinge, die wir ignorant voraussetzen. Die Dinge, die wir als universal postulieren definieren sie doch nichts mehr als die Grenzen unseres Horizonts."
Sprache wird von unbenannten Benennenden geformt und kuratiert (die Masse). Sie besitzen die Macht andere Menschen und auch Themen zu benennen und somit zu expliziten, besonderen zu machen. Damit üben die Benennenden die Macht über das Benannte aus! Dieses kann sich z.B. auch in entsprechend benannte Lebensmodelle etablieren, die von den Benennenden als Norm oder als Ausgrenzung genutzt werden können. Es kommt zu einer Klassifikation der benannten Lebensmodelle.
Wenn die Benannten oder das Benannte nicht mehr genau zu ihrer Kategorie passen, dann merken sie/diese die Grenzen der Käfige, die durch die Definition mit Sprache geschaffen wurden. Sie merken die Ablehnung der Unbenannten Benennenden, die sie nicht mehr einfach benennen (kategorisieren) können.
Im Kontext von Beziehungsmodellen kann das z.B. bedeuten, dass es zu Ausgrenzungen und Kategorisierungen von Menschen kommen kann, weil sie nicht nach der benannten Norm der benennenden Masse leben (wollen/können/möchten) (siehe auch [@simon2021] oder auch [@karig2018]).
Neue, außerhalb der Erfahrung der Masse liegende Lebensmodelle führen somit in Teilen der Gesellschaft Ablehnung und Unverständnis. Kategorien und partikuläre Sichten der Benennenden werden in Sprache etabliert, indem Begriffe wie „universell“, "neutral", „rational“ und/oder „objektiv" verwendet werden. Somit werden aus eigentlich individuellen Perspektiven vermeintlich „universelle“ Einsichten, die in einer Gesellschaft verfestigt werden (böswillig könnten das auch Vorurteile sein).
Wir Menschen brauchen in der Kommunikation allerdings Kategorien um über die Welt sprechen zu können. Die Welt braucht sie nicht! [@guemuesay2020].
Kategorien werden dann zu Käfigen, wenn sie mit einem Absolutheitsglauben als universell und vollständig betrachtet werden und wir uns bei der Schaffung der Kategorien nicht unserer limitierten Sichtweise bewusst sind! Dieser Anspruch führt zu Ideologien und entsprechenden Kulturen, die daraus Macht ableiten und über die Kategorisierung legitimieren! Wir alle halfen dann diese Kategorien für Umfassend, weil wir in eine entsprechende Kultur hinein geboren worden und uns diese Kategorisierungen als universal erzogen werden (siehe Glaubenssätze [@imlau2022]). Wir werden uns dann der Grenzen nicht mehr bewusst!
Gerade im Kontext von Lebensmodellen (aber bei weitem nicht nur da; z.B. auch bei Rassismus ist das ein ganz wesentliches Thema) führt dieses in der Kommunikation der Masse zu Ablehnung von neuen Ideen von Lebensmodellen jenseits der Monogamie (wie bereits oben genannt).
Um das zu Ändern ist es wichtig, zu erkennen, dass das Aufzeigen unser aller Begrenztheit durch unsere Sprache nicht als Angriff gewertet wird, sondern von allen Menschen erstrebenswert ist, sich dieser Grenzen bewusst zu werden, um sie überwinden zu können! [@guemuesay2020].
Objektivität gibt es nicht, können nur Näherungen auf Basis vieler Perspektiven geschaffen werden. Hierzu ist es notwendig, das freie Sprechen zu ermöglichen und in der Gesellschaft auch durchzusetzen. Freies Sprechen setzt die eigene Existenz ungefragt voraus. Es muss sich nicht erklärt oder verteidigt werden. Wenn wir nicht mehr mit den Augen "anderer auf uns selbst blicken, dann sind wir frei".
Wir werden erst alle frei sein, wenn wir uns vom Absolut-Anspruch unserer Perspektive verabschieden und keine Perspektive steht über einer anderen.
Damit andere Lebensmodelle in der Gesellschaft akzeptiert und auch integriert werden, ist es notwendig, dieses freie Sprechen über Lebensmodelle (und auch über vieles andere) als Standard zu etablieren. Leider ist unsere Gesellschaft noch weit von so einem Ideal entfernt.
Wieso haben so viele Menschen denn Angst und fühlen vielleicht auch Hass gegenüber dem Neuen und vielleicht auch Unbekannten?
Hass und Angst wird durch Entmenschlichung möglich, die durch rohe Sprache erzeugt werden kann, aber auch durch Abstraktion von Menschengruppen hinter der einzelne Menschen verschwinden. Diese Abstraktion erfolgt durch Kategorien (siehe [@guemuesay2020])!
Kennen wir den Menschen als Individuum, so können wir diesen nicht mehr abstrahieren. Wir können Menschen, die wir kennen, nicht mehr nicht sehen. Wir haben Angst vor dem Neuen und Unbekannten, was uns daran hindert, unsere Sprache zu erweitern, bzw. Neues in die Sprache aufzunehmen. Damit manifestieren wir unsere Grenzen und beschneiden unsere Möglichkeiten, Neues zu erleben und zu kommunizieren.
Vielleicht ist es auch deswegen so schwer über Liebe, Sex, Polyamorie und andere Themen zu sprechen, da wir durch die Kategorisierung Ausgrenzungen vornehmen oder auch mangels Erfahrung und mangels sprachlicher Möglichkeiten jedes Einzelnen, bzw. dessen Perspektiven zu eingeschränkt sind. Dadurch schaffen wir durch Sprache eine in Teilen eben nicht wertschätzende Kommunikation über das Anders sein, was bereits eine Ausgrenzung darstellt.
Thomas Sindt 03.03.2025 Achim
Erweiterung:
Nach [@robbins2017a] :
Je besser wir nach außen kommunizieren können, unsere Wünsche, Visionen, Gedanken, Ideen und Gefühle wir kommunizieren können, desto erfolgreicher werden wir (hierzu ist natürlich auch wieder Sprache notwendig). Dadurch steigert sich auch das innere Gefühl, Erfolg zu haben und äußert sich in Form von Glück, Freude und Begeisterung. Diese Gefühle sind ein Resultat, wie ich die Ergebnisse der äußeren Kommunikation im Inneren wahrnehme und sie mir dort in Form von innerer Kommunikation manifestiere.
Ich schaffe mir die Realität durch Kommunikation, durch Sprache. Hier wird der Bogen zu [@guemuesay2020] gespannt, in der ebenfalls postuliert wird, wenn auch auf anderen Ebenen, Sprache schafft Realität.
Thomas Sindt 12.06.2025 Freiburg